3021 hat geschrieben: ↑Mo 20. Jul 2020, 14:53Du hast
nichts von dem verstanden, was ich zum Ausdruck bringen wollte. In dieser Diskussion hilft eines auf jeden Fall nicht: Sarkasmus
Stimmt, ich verstehe Dich wirklich nicht. Dann versuche ich es mal ohne Ironie (der Unterschied zu Sarkasmus ist bekannt?):
Die Enteignungen aus der Kaiserzeit, die Du ansprichst, sind Fakten, und Ansprüche irgendwelcher Urenkel daraus abzuleiten, halte ich für lächerlich, weder moralisch noch juristisch zu rechtfertigen. Wenn man so anfinge, hätte man heute für gar nichts mehr Planungssicherheit. Das Land wäre völlig gelähmt. Die Bahnstrecke existiert seit der Kaiserzeit und alle Anwohner sind entweder mit der Bahn vor der Tür geboren und aufgewachsen oder zugezogen. Und die Bahn war nie stillgelegt. Und hier wiedersprichst Du Dir selbst gleich mehrfach. Erstens: Wer an einer gewidmeten Strecke wohnt, muss jederzeit mit (mehr) Verkehr rechnen. Zweites: Du schreibst richtig, dass mittlerweile schon seit Jahrzehnten von einer Reaktivierung gesprochen wird. Jeder Anwohner und Zugezogene konnte also damit rechnen, dass eine Wiederbelebung der Verkehre irgendwann passieren könnte. Wer dennoch an die Strecke gezogen ist oder in sein Haus investiert hat, hat dies in eigener Verantwortung und unter Kenntnis der realen Möglichkeit einer Reaktivierung getan. Es mag sein, dass Makler und Verkäufer von Immobilien etwas anderes suggeriert haben, und der Käufer mit einer "günstigen" Immobilie reingelegt wurde, aber dann hätte sich der Immobilienbesitzer eben besser informieren müssen. Und wer bewusst auf eine Stilllegung spekuliert hat bei seinem "Schnäppchen", und das werden die meisten sein, die jetzt jammern, der hat sich dann eben verzockt. Dumm gelaufen, aber kein Grund, hinterher zu protestieren. Wer spekuliert, muss auch mit Verlust rechnen. Drittens: Es geht hier nicht um den von Dir angesprochenen Personenverkehr, sondern um 3 Güterzüge wöchentlich. Daran wird wohl kein Anwohner an Herzinfarkt sterben. Viertens: Wenn Du den Anwohnern jetzt teuren Lärmschutz zubilligen willst, wird das Projekt irgendwann zu teuer und somit zum Grabstein für jede Reaktivierung. Ich bin absolut dagegen, den Anwohnern so viel Macht über die Existenz einer gewidmeten und übrigens auch derzeit hin und wieder befahrenen Strecke zu geben. Dann wird das nie was mit der Stärkung der Bahn. Fünftes: Dass Du lieber mit dem PKW zur Arbeit in die Großstadt fährst, ist Deine Entscheidung. Es mag auch auf andere Pendler zutreffen, dass sie diese Variante bevorzugen werden, wenn denn mal ein SPNV besteht, aber ich bin sicher, dass viele Pendler den Umstieg erst dann ersthaft in Erwägung ziehen, wenn sie von dem neuen Angebot gekostet haben. Um ein Beispiel zu bringen: meine Frau hat einen Dienstwagen und muss auch den Sprit nicht bezahlen. Dennoch fährt sie immer öfter mit der Bahn, weil sie dort in Ruhe arbeiten kann. Sechstes: Ich gebe Dir Recht, dass man jetzt keine Menschenmassen auf einer für den SPNV reaktivierten Strecke im Hunsrück erwarten darf. Aber ich bitte Folgendes zu bedenken: Wir haben ja gehört, dass Homeoffice in Zeiten von Corona sprunghaft zugenommen hat und dass viele Firmen und Mitarbeiter auch in Zukunft mehr Gebrauch davon machen wollen, weil es mittlerweile so gut funktioniert. Das heißt, ich arbeite im Zug mit meinem Laptop. Mit den Dingern kann man heute fast alles erledigen, was vor 10 oder 20 Jahren noch undenkbar war. Als ich von 1996 bis 2010 per Bahn zur Arbeit gependelt bin, gab es diese Möglichkeit noch nicht, die Arbeit im Zug zu erledigen (mittlerweile arbeite ich im selben Ort und fahre kurz mit dem Fahrrad zur Arbeit). Damals habe ich bei der Bahnfahrt Zeitung gelesen. Mittlerweile habe ich meine ganze Arbeit digitalisiert und mit meinem leistungsstarken Laptop mit LTE-Modem mache ich meine ganze Arbeit. Im Zug könnte ich damit heutzutage die Bahnfahrt zur Arbeit super nutzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass viele Pendler diese neue Möglichkeit auch nutzen werden, um die Zeit auf dem Weg zur Arbeit besser zu nutzen. Am Steuer eines Kfz geht das natürlich nicht. Kurzum, mit WLAN und Steckdose im Zug wird ein großer Teil der Berufspendler umsteigen und es wird ein ganz neues Segment Fahrgäste erschlossen, so dass eine Reaktivierung im SPNV sehr wohl Sinn macht, auch wenn es auf den ersten Blick und unter Zugrundelegung alter Maßstäbe anders erscheinen mag.
Fazit: Meiner Meinung nach sollen sich die Anwohner mit der Bahnstrecke abfinden und müssen den Verkehr darauf in Kauf nehmen. Wer das nicht will, soll woanders hin ziehen.